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Thomas Jonigk
Vierzig Tage
Roman
2006

Textauszug:

Kopflose Männeraugen auf Frauenbeinen, Lauras Beine winden sich hochhackig durch Tischzwischenräume, schlanke Waden in Nylonstrumpfhosen, ein Kaffee für die Dame, ich bitte sehr, sie ist bereits abgewendet, als sie das sagt, ihr Blick wandert von dort zu Irene, zu ihren Beinen, sie sind stämmig, vollständig unbehaart, lebenserfahren, blaue Äderchen fließen als Rinnsale in Fußrichtung. Am Nebentisch sitzen zwei Beinpaare, das eine übereinandergeschlagen, schlank, braungebrannt, das andere nebeneinander, keine Zellulitis, prototypisch, nichts. Darüber eine Stimme, sie sagt, danke der Nachfrage, es geht wieder, nur die Depressionen sind schwierig, mein Arzt sagt, ich soll Psychopharmaka nehmen, aber ich will das nicht. Eine zweite Stimme reagiert entgeistert, um Gottes willen, will sie wissen, warum nicht?

Es ist zwölf Uhr fünfundfünfzig, das macht zwei achtzig, sagt Irene, stimmt so, vielen Dank, am anderen Tisch sind es sechzehn vierzig, darf ich bei Ihnen schon abkassieren, danach übernimmt dann meine Kollegin, natürlich, selbstverständlich, einen Augenblick, sagt die junge Frau, die immer nach Räucherlachs riecht, Fischverkäuferin vermutlich, denkt sich Irene, plötzlich sonderbar zufrieden mit sich und ihrem Dienstverhältnis, ich fühle mich irgendwie komisch, sagt die junge Frau und reicht Irene einen Zwanzig-Euro-Schein, auf dem Weg hierher habe ich beobachtet, wie eine Gruppe von Männern eine Frau ausgeraubt und vergewaltigt hat. Möglicherweise Feministin, denkt Irene missmutig, was waren das für Männer, fragt sie freundlich in Aussicht auf steigendes Trinkgeld, ich glaube, sagt die Frau, es waren eher Jugendliche, das Ganze hat circa zehn Minuten gedauert, die Frau tat mir unheimlich leid. Sie haben sich doch nicht etwa eingemischt, empört Irene sich, so was geht leicht nach hinten los. Nein, sagt die Frau, natürlich nicht, aber trotzdem, ich weiß nicht, der Rest ist für sie, sagt sie und schiebt Irene einen Euro herüber, sie nimmt ihn und lächelt, im Umwenden verdreht sie die Augen, Frauen, denkt sie und geht.


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